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  • 35. Magic Mountain Calling (mit Michael Kerkmann)

    In Begleitung eines weiteren Gastes begibt sich Bruno auf eine literarische Exkursion, während Jakob in Elternzeit ist. Gemeinsam erkundet er mit einem Pfadfinder geistiger Hochebenen das mysteriöse Terrain des Zauberbergs, dem Jahrhundertroman von Thomas Mann, der just in diesen Tagen sein 100-jähriges Jubiläum feiert. Die Geschichte eines durchschnittlich begabten angehenden Schiffbauingenieurs, der seinen lungenkranken Vetter im Sanatorium “Berghof” für wenige Wochen besuchen will, um schließlich ganze sieben Jahre “dort oben” zu verweilen, ist Vieles in Einem: ein geistiges Epochenpanorama der klassischen Moderne, ein letzter Blick auf die bürgerliche Welt vor ihrem Untergang, die Vorgeschichte des ersten Weltkriegs und der intellektuelle wie libidinöse Reifungsprozess eines jungen Mannes. Hans Castorp, so der Name des Protagonisten, ist Verführungen aller Art am Zauberberg ausgesetzt: geistiger, politischer, ästhetischer und schließlich erotischer. Er ist das bürgerliche Individuum unter den Bedingungen der Moderne: ohne Bindung an tradition und Familie befindet er sich im freien Fall. Die Vernunft und die Ideale und Errungenschaften vermögen ihn nicht mehr zu erden, nachdem er seine Disposition zur Krankheit entdeckt hat. Sie öffnet ihm den Weg der Selbsterkenntnis, auf dem er nicht geradlinig wie aus Platons Höhle herausklettert, sondern auf dem er mehrfach anhält, an Abbiegungen zögert, sich umdreht, nach hinten schaut, kehrt macht und im Kreis läuft, um schließlich einen Schritt vorwärts zu machen.

    Inhalt:

    00:00:00 Anmoderation und Begrüßung des Gastes

    00:04:10 Ist Thomas Mann dem Realismus zuzurechnen?

    00:05:02 Einführung in das Thema

    00:09:41 Der Protagonist des Romans

    00:12:51 Handlungsaufbau des Romans

    00:22:58 Die Hermetik des Zauberbergs

    00:24:35 Der geistige Antagonismus im Werk Thomas Manns

    00:28:56 Hermeneutischer Zirkel und verschiedene Weisen des Verstehens

    00:34:22 Die Person Thomas Mann

    00:36:30 Verführung und Verwirrung auf dem Zauberberg

    00:46:55 Der "Scheitelpunkt" der Romanhandlung

    00:57:30 Der Gegensatz von Künstler und Bürger damals und heute

    01:01:35 Gegenwartskunst ohne Antagonismus

    01:07:23 Das Ende des Zauberbergs im ersten Weltkrieg

    01:11:20 Wie klassisch ist der Zauberberg und was bleibt von ihm?

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  • 34. Ausweitung der Flanierzone (mit Maxim Klusch)

    Mit einem altbekannten neuen Gast widmen wir uns der kulturärchaologischen Untersuchung eines Leitfossils der klassischen Moderne: dem Flaneur (sein andersgeschlechtliches Pendant, die Passante, ist eine eigene Folge wert). Seit der Entstehung urbaner Lebensräume in der Mitte des 19. Jahrhunderts schlendert er ziellos durch die Gassen und Straßen, die Kaufhäuser und Alleen, die Parks und Armenviertel und saugt die ästhetischen und sozialen Wahrnehmunseindrücke seiner Umwelt wie ein Schwamm Wasser auf. Wir stellen seinen lustwandlerischen Lebensstil vor ein moralisches Gericht: Bereichert und Berauscht sich sein Auge bloß an den Dingen oder hat sein Blick auch als erinnernder eine ethische Note?

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  • XIV. Kitsch

    Erstmals in voller Länge online!

    Wir beschäftigen uns mit Grundfragen der Ästhetik anhand des notorisch gering geschätzten Kitsches. Was ist guter Geschmack, was ist schlechter Geschmack? Wir klären diese jahrtausendealte Streitfrage ein für alle mal. Der Kitsch jedenfalls wird vom Heidelberger Philosophen Ludwig Giesz zwar auch als kulturelles Phänomen aufgefasst, vor allem aber als Phänomen im Sinne der Phänomenologie! Die ästhetischen Zustände, die er am Subjekt analysiert, stellen sich den ästhetischen Gegenständen der Vertreter einer jeden objektiven Ästhetik (z.B. Adorno) entgegen. Ein eher konservativer Einschlag lässt Giesz abseits der Methodik dennoch kitschige Kulturerzeugnisse in scharfen Gegensatz zur (wahren) Kunst setzen. Dagegen geht Susan Sontag zur beinahe gleichen Zeit auf der anderen Seite des Atlantik vor. Ihr Camp ist moralfrei und meint Kitsch, der als lebendiges, antielitäres Kulturprodukt Läuterung erfahren kann. Alles kann Kitsch sein, alles Camp – sodass wir uns am Ende vor allem fragen, was die ganze Aufregung eigentlich soll und ob wir nicht deutschen Bierernst gegen Heiterkeit eintauschen sollten, auch in Fragen der Ästhetik. Einen wahren Gegner bedeutungsvoller ästhetischer Lebensgestaltung und -erschließung gibt es dabei womöglich doch. Es ist der Lifestyle, der bloß noch ästhetische Erzeugnisse sich wünscht, die er sich leisten kann, ohne zur Frage herausgefordert zu werden: “Muss ich mein Leben ändern?” Die Ästhetisierung der Lebenswelt droht dann, Deko zu werden und damit der Kunst die Bedingung ihrer Möglichkeit zu entziehen. Überdies werden meist Leben dekoriert, deren latenter Sinnmangel sinnlich kompensiert werden soll.

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  • 33. Die (un)erträgliche Zufälligkeit des Seins

    Glück ist das, was einfach so passiert und das man gut findet. Pech hingegen ist etwas, das ebenso kontingent eintritt, das wir aber doof (bis sehr beschissen) finden. Zwei wichtige Pole in jedem menschlichen Leben also: Glück und Pech. Die Summe beider Arten von zufälligen Ereignissen können wir – versucht mal, uns davon abzuhalten! – Schicksal nennen. Am Schicksal kann man nun aber auch verzweifeln. Was tun (Lenins Frage!), damit das nicht passiert? An der Lebenskunst führt kein Weg vorbei. Wir betrachten sie einmal von einer anderen Warte aus und kommen erst gegen Ende unvermeidlicherweise doch auch zum Glück als Zustand, zum Glück als qualitativem Begriff – zum Glück im Sinne der Eudaimonia. Aber was tun? Eine offensichtliche Antwort: Lotto spielen. Mit anderen Worten: Das Glück aktiv herausfordern, egal wie schlecht die Chancen stehen. Schlussendlich lieber Hanswurst, als …? Denn als Trottel darf man sich auch heiter durchs Leben bewegen.

    Inhalt:

    00:00:00 Lotto als Jaach op das Jlöck

    00:07:22 Begrüßung und Berufe

    00:18:11 Glück (und Verzweiflung?)

    00:41:20 Amor fati, Epikur und die Stoiker

    01:02:20 Abschied und Ankündigung

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  • XVI. Fortschritt

    Einen Fuß vor den anderen setzen, lineares Schreiten in eine Richtung – das ist selten messbar und keineswegs alternativlos. Vielmehr ist es (gemeint ist: der Fortschritt) ein neuzeitliches Phänomen und zudem eines der europäisch-westlichen Kulturen. Ob als Geschichtsphilosophie, politischer “Progressivismus”, Wissenschaftsparadgima oder Wirtschaftsaxiom (Wachstum) – der Fortschritt ist kein neutraler Begriff, stets ethisch aufgeladen und das meist zu unrecht positiv. Er befördert einen fragmentarischen Blick auf die Welt und plädiert für das Waltenlassen der Eigenlogik bestimmter gesellschaftlicher Sphären, egal wie viele Probleme sie an anderer Stelle hervorrufen. Wir erläutern außerdem Alternativen zum Fortschrittsparadigma; denn gerade mit Blick auf den Menschen selbst lässt sich eine radikale Fortschrittslosigkeit beobachten. Das Gleichbleiben nicht als Abwesenheit von Veränderung oder Entwicklung, aber als Absage an eine auf alles oktroyierte Fortschrittsfähigkeit sollte uns zu denken geben. Mit weniger Fortschritten hätten wir weniger Probleme produziert. Diese Spirale zu durchbrechen erfordert kulturellen Wandel.

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  • 32. Von Models und DJs

    Es wird zum ersten Mal autobiografisch bei Lachen & Weinen: Wir widmen uns den beiden Galionsfiguren der postmodernen Kultur, die in den 90er-Jahren Gestalt annahm und wissen, dass wir dabei nicht am Puls der Zeit sind. Jakob ist tagsüber ein Model und sieht gut aus und Bruno legt nachts in Bars und Clubs Platten auf und stachelt die Menge zu Tanz und Vergnügen an. Models und DJs eint nicht nur ihre narzisstische Veranlagung, sondern auch die narzisstischen Projektionen, mit denen wir sie vereinnahmen. Doch ist der Narzissmus so leicht zu verstehen, wie die griechische Sage ihn erzählt? Wir lesen bei Ovid nach und stellen fest, dass auch in vortherapeutischen Zeiten die Menschen in der Lage waren, komplexe psychische Verwirrungen zu beschreiben, demnach auch unter ihnen litten. Nach dem Streit an der Quelle über die rechte Auslegung des Mythos begeben wir uns in die Gegenwart, reflektieren die Stellung und errechnen die psychische Hypothek von Models und DJs in der kapitalistischen Warengesellschaft. Dank Instagram und Co. können wir heute, wie schon Andy Warhol in den 60er-Jahren prophezeite, alle für wenige Minuten ein Star sein. Bahnfrei also für eine narzisstische Gesellschaft. Die Diagnose ist nicht neu, wir müssen sie ihrer unveränderten Aktualität wegen jedoch bedenken und erwägen abschließend Auswege aus der narzisstischen Falle.

    Inhalt:

    00:00:00 Künstliche Einleitung

    00:02:03 Begrüßung

    00:51:40 Metaphysische Apotheke

    01:34:10 Der unverständlichste Satz der Woche

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  • XI. Aggression

    Warum der Mensch auf den Menschen losgeht

    In der ersten exklusiven "II. Folge" denken wir das vielleicht entscheidende anthropologische Fundament von Krieg und Kampf: die Aggression. Es kommt zum Konkurrenzverhalten zweier Männchen vor laufendem Mikrofon. Während also die Theorie zur Waffe für praktische Konflikte wird, vollziehen wir mit Konrad Lorenz (Das sogenannte Böse, 1963) nach, wie in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit das begriffliche Denken den Menschen über seine schwache natürliche Bewaffnung weit – zu weit – hinausgehoben hat. Eine performative Folge also. Gepaart mit der fehlenden Tötungshemmung gegenüber Artgenossen, die den Raubtieren vorbehalten bleibt, ist dem Menschen durch seine künstliche Bewaffnung das willentliche Töten erst ermöglicht. Unser Freund Sigmund Freud derweil spricht dem Menschen ohne Kultur die Nächstenliebe tendenziell ab (warum gerade er das tut, können wir heute auch nicht mehr verstehen), weswegen er seine aggressiven Triebe kulturell hemmen muss, was ihn wiederum krank macht, und ihm die Nächstenliebe stärker noch verunmöglicht, als sie ihm im hypothetisierten Naturzustand jemals verunmöglicht war. So pessimistisch beschließen wir nur fast, denn auch Freud kann irren. Wenigstens laufen wir in der Sackgasse der Aporie nicht gegen die Wand, sondern sind bemüht, das Einbahnstraßenschild umzudrehen. Wir wissen schlussendlich: Wir bräuchten eine filigrane Beleidigungskultur.

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  • XII. Werner Herzog

    Ein Gespräch zu seinem 80. Geburtstag

    Mit Florian Arnold widmen wir uns Werk und Person Werner Herzogs, zu dessen 80. Geburtstag. Auch in seinen Spielfilmen schlägt immer wieder das Dokumentarische durch. Doch was will Herzog dokumentieren? Was ist das gleichbleibende in seinem Werk, welche Motive treiben ihn? Herzog scheint in allen Naturschauspielen, die er festhält (unter anderem: das Spektakel Klaus Kinski), nie die manifeste Gewalt der Natur zeigen zu wollen, nicht ihre violentia gewissermaßen, sondern ihre potestas, ihre herrschende, verfügende Gewalt, die in ihr schlummert, die in den Vulkanen brodelt. Ihm geht es um ein "An-Sich" der Natur, um das Verhältnis des Menschen zu den Urkräften, denen er auf unerklärliche Weise entstammt. Wir machen mehr und mehr religiöse Motive aus und gelangen zu einiger Klarheit. Ohne Gespür für das Mystische ist Herzogs Werk wohl nicht denkbar – nicht in seiner Deutlichkeit und Deutbarkeit. Steht Herzogs Mission als "Soldat des Kinos" letztlich in einiger Verwandtheit zur Mission des Missionars, der auch beständig die Grenzen der Welt aufsuchen musste?

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  • XV. Nicht nur zur Weihnachtszeit

    … oder die deutsche Weihnachtsneurose

    Wenn es weihnachtet, kommt in guter deutscher Tradition auch ein Zwang nach dem anderen um die Ecke. Obsessives Verspeisen der immer gleichen Speisen, ritualisierte Abläufe, die dennoch jedes Jahr dieselbe Gefahr laufen, zu misslingen und IST DER BAUM AUSREICHEND GESCHMÜCKT?! 1952 verpackte Heinrich Böll mit psychologischem Scharfsinn und loriotscher Beobachtungsgabe alles, was zu Weihnachten in Nachkriegsdeutschland zu sagen ist mit seiner Geschichte _Nicht nur zur Weihnachtszeit_ in ein großes kleines literarisches Geschenk, welches wir nun auspacken. Dabei wird so allerhand deutlich, nämlich dass wir womöglich immer noch in Nachkriegsdeutschland leben. Traumata und Neurosen werden nicht nur in Individuen, sondern in Familiensystemen und ganzen Kulturgemeinschaften gespeichert und weitergegeben. Das erklärt, wieso viele von uns sich neben dem Weihnachtsbaum der Großmutter als Kinder noch gefühlt haben könnten, wie Wachsfiguren. Dass es bei den Themen Krieg, Verdrängung, traumatischer Neurose oder gar Psychose nichts zu lachen gibt, ist eigentlich klar, wird aber in Bölls Satire widerlegt. Etwas anderes können wir euch zum alljährlichen WICHTIGSTEN FEST auch nicht raten: Trotzdem lachen. (Und weinen.)

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  • 31. Vom endlichen und vom unendlichen Studium

    Der Ertrag des Endlichen, die Möglickeiten des Unendlichen und all die Lebenserfahrung dazwischen

    In einer Folge, die einen kleinen Abschied beinhaltet, widmen wir uns abermals dem Studium und geraten ins Resümieren. Worunter lässt sich nach 3 1/2 Jahren Podcast und 2 Masterabschlüssen ein Bilanzstrich ziehen? Bzw. was steht unter ihm? Neben dem Studium und seiner Endlichkeit oder Unendlichkeit beschäftigt uns also die Endlichkeit überhaupt, sowie ihr Ertrag an Realisiertem, der nur in ihr der Unendlichkeit des Möglichen abgetrotzt werden kann. Passenderweise bringt sich da auch die Frage nach dem Geborenwerden mit ein – in recht anschaulicher Form. Denn obwohl die Geburt traumatische Qualitäten haben kann (sie ist aber nicht: Urtrauma), kommt man nicht um sie herum. In-der-Welt-Sein oder Nicht-in-der-Welt-Sein – das ist hier die Frage. Und so war es schon immer bei Lachen & Weinen, und so wird es bleiben (auch nach dem Abspann).

    Veranstaltungshinweis

    Wir sind am Freitag den 17.11.23 um 19:30 Uhr zu Gast im Literaturhaus Köln und diskutieren auf Einladung des Europolis Köln e.V. zum Thema "Krieg, Avantgarde und das Herz von Europa – auf der Suche nach dem Menschen". Der Eintritt ist frei! Kommt gerne zahlreich, wir würden uns sehr darüber freuen.

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